Impulse für den Alltag

Menschenwürde in Gefahr
„Impuls für den Alltag“ zum 11./12.9.2021

Da steht einer an Neumarkts Marktstraße, macht auf seine Not aufmerksam und bettelt. Da ist eine junge Frau psychisch krank; sie leidet darunter und ist isoliert, aber es findet sich keine Möglichkeit, ihr zu helfen.  Da ist eine Flüchtlingsfamilie, die abgeschoben werden soll und einer unsicheren Zukunft entgegensieht. Da erfährt in unserem Landkreis eine junge Frau, aus ihren eigenen Aussagen zufolge „aus eine multikulturellen Familie“ stammt und in diesen Tagen für den Deutschen Bundestag kandidiert, offenen Rassismus: Ihre Wahlplakate wurden systematisch beschmiert. Und eine Partei fordert auch in Neumarkts Straßen mit ihren Plakaten dazu auf, dass der politische Gegner gehängt werden solle. 

All das macht mich unruhig. Wie gut es uns doch eigentlich in unserem Land und in meiner Stadt Neumarkt geht: Es gibt Wohlstand und viele Möglichkeiten, sich zu bilden und weiter zu entwickeln. Unser Gesundheitssystem gehört zu den besten in der Welt. Wir leben schon seit Jahrzehnten in Frieden und politischer Stabilität. Jeder und jede kann die eigene Religion oder die sexuelle Orientierung frei ausüben, die Weltanschauung oder politische Meinung fast uneingeschränkt äußern. Der Rechtsstaat schützt mich vor Unrecht, Verfolgung und Willkür. Und dennoch erlebe ich immer wieder Benachteiligung und schiere Unmenschlichkeit. Es gibt so viele Fälle, in unserem Alltag und in unserer allernächsten Nähe, dass die Menschenwürde jedes und jeder einzelnen bedroht ist. Weil Wohlstand und Ressourcen nicht gerecht geteilt werden, weil jeder nur auf sein eigenes Glück schielt, weil Lebensperspektiven fehlen, weil jemand verbittert und voller Hass ist, weil Angst und Überforderung immer mehr zunehmen – es gibt so viele Gründe, warum die Welt an vielen Stellen – auch in meiner nächsten Umgebung – lieblos und würdelos ist. 

Unser christliche Glaube lädt uns dazu, jeden Menschen als ein Abbild Gottes, als unsere Schwester und unseren Bruder, in den Blick zu nehmen und anzunehmen – ganz unabhängig davon, wie er aussieht, wo er lebt, was der denkt und fühlt, wie viel er besitzt, was er kann oder eben auch nicht. Ich empfinde es als eine lebenslange Aufgabe, immer wieder den einzelnen in den Blick zu nehmen und in mein Herzu zu schließen. Und ich erlebe so manches Mal, dass ich selbst beschenkt werde, wenn ich für jemand anderen da bin. Als Christen sind wir dazu berufen, uns immer wieder neu auf den Weg zu machen – damit die Liebe und der gegenseitige Respekt in dieser Welt wachsen kann und damit die Würde des Menschen mehr und mehr Raum gewinnt. Die Frohe Botschaft von Jesus Christus macht mir Mut, gegen Lieblosigkeit und Kaltherzigkeit anzuarbeiten, gegen die Ungerechtigkeit und Ausbeutung anzukämpfen, gegen Hass und Hetze anzuschreien. Gott schenke mir dazu immer wieder Kraft und Auftrieb.

Christian Schrödl
Kath. Dekanatsreferent
Neumarkt/Habsberg