Auf ein Wort

Jahrelang hat er den Chor geleitet. Als er die Kirche betritt, geht ein Raunen durch die Reihen der Sängerinnen und Sänger. Sichtbar gezeichnet setzt er mühsam einen Schritt vor den anderen. Seine Schultern schief, der rechte Arm baumelt scheinbar herrenlos herunter. In seinem Mantel wirkt er klein und zerbrechlich. Hinten in der Kirche bleibt er unschlüssig stehen, als ob er erst einmal Kraft schöpfen müsste. Einzelne Sänger laufen auf ihn zu: „Du bist heute da? Wir dachten, du bist noch in der REHA. Schön, dass du dabei sein kannst.“ 

Sie ringen um die richtigen Worte, die aufbauen, nicht verletzten. Dass er sich heute hierher traut in seine Kirche, in das Konzert, in die Öffentlichkeit mit seinem ganzen Kummer. Respekt!

Für das große Konzert hatte der Chor unter seiner Leitung wochenlang geprobt bis die schockierende Nachricht kam: unser Chorleiter hat einen Schlaganfall. Sie trafen sich weiter und fanden einen Ersatzdirigenten. Er hätte es so gewollt, denn er liebt die Musik so wie sie. 

Während der ersten Stücke sackt er in der Kirchenbank in sich zusammen und schlägt die Hände vors Gesicht. Er sitzt hier an diesem vertrauten Ort und kann doch nicht dirigieren, nicht mitmachen. Mitten in einem Choral versiegen seine Tränen. Sein verhärmtes Gesicht entspannt sich. Er lauscht der Musik. 

„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“, heißt es in der Bibel. Manchmal ist mir nicht nach Singen zumute. Wie gut ist es dann, wenn es Andere für mich tun und mich mitnehmen. 

Ihre Dekanin
Christiane Murner